Experte Schanz weiß: Häufig lassen sich Paare zu viel Zeit, bis sie professionelle Unterstützung suchen. Foto: Thorsten Gutschalk
Experte Schanz weiß: Häufig lassen sich Paare zu viel Zeit, bis sie professionelle Unterstützung suchen. Foto: Thorsten Gutschalk

Paartherapeut Jochen Schanz greift dann ein, wenn Beziehungen auf der Kippe stehen. Er sagt: Partner müssen den Gegenüber auch in seiner Unterschiedlichkeit ertragen können.

Lampertheimer Zeitung, LAMPERTHEIM. 15 Jahre – so lange nehmen sich Paare durchschnittlich Zeit, bis es zur Scheidung kommt. Doch das muss nicht sein: In der Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Diakonischen Werks Bergstraße versucht Systemischer Therapeut Jochen Schanz, Paaren zu helfen.

55 Fälle sind für 2018 dokumentiert. Im Gespräch erklärt er, warum neue Lebensabschnitte kritisch sein können, Partnerschaft mehr als nur Liebe braucht und ein gemeinsamer Gründungsmythos wichtig ist.
Herr Schanz, knapp 160 000 Ehen werden bundesweit im Jahr geschieden. Ist das eigentlich ein sehr hoher Wert?
Das ist mit Sicherheit ein hoher Wert. Der Umgang mit Ehe allgemein hat sich in den Jahrzehnten verändert, die Paare scheiden sich generell schneller als früher. Ein Grund mag in der Individualisierung liegen, dass die Menschen zunächst das persönliche Glück im Vordergrund sehen und sich der Rahmen der Ehe verschoben hat. Es ist gesellschaftlich sicher auch leichter geworden, aus der Ehe „auszusteigen“.
Was sind die häufigsten Konfliktthemen, die Ihnen in Ihrer Arbeit begegnen?
Häufigster Aufhänger ist die Kommunikation als Paar, also beispielsweise Streitgespräche. Das ist zunächst einmal ein Überbegriff, weil viele Themen hinten dranhängen. Oft haben sich beide Partner auseinander gelebt oder kommen mit den Übergängen, die in einer Beziehung passieren, nicht zurecht. Das kann beispielsweise der Eintritt in die Rente sein oder ein gemeinsames Kind, das geboren wird. Beide Partner müssen sich dann neu sortieren.

ZUR PERSON
Jochen Schanz (46) ist in Ludwigshafen geboren, verheiratet und hat einen Sohn. Er studierte an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt Sozialarbeit und schloss das Studium als Diplom-Sozialpädagoge ab. Es folgten Tätigkeiten für die Arbeitsagentur Mainz, den Verein Nordlicht in Hamburg und Lübeck sowie Weiterbildungen als Systemischer Therapeut im Bremen. Außerdem machte Schanz eine Ausbildung beim Systemischen Institut in Heidelberg zur Paartherapie. Seit April 2019 arbeitet er in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (ELF) in Lampertheim. (aheu)

Nicht selten bleiben Paare, die eigentlich zerstritten sind, zusammen, eben weil sie ein gemeinsames Kind haben. Ist ein Kind in der Partnerschaft eher „Kitt“ oder Herd für weitere Konflikte?
Also, wenn ein Kind zur Welt kommt, das von Anfang an die Rolle des „Kitts“ oder besser des Trösters hat, ist das wirklich problematisch, weil das Kind dann mit Erwartungen überfrachtet wird, die es nicht erfüllen kann.
Sie sprachen vorhin die Kommunikation an. Liegt es auch häufig an Sprachlosigkeit?
Es gibt tatsächlich die Neigung einiger Partner, gerne Probleme oder andere Dinge des Alltags mit sich selbst auszuzumachen, anstatt das Gespräch mit dem Anderen zu suchen. In solchen Konstellationen kann die Trennung dann sehr „plötzlich“ kommen, dass ein Partner gar nicht versteht, warum nun Schluss sein soll. Er oder sie dachte bis dahin, dass doch alles prima gelaufen ist.
Wie läuft bei Ihnen die Beratungsphase ab?
Wie lange die Beratungen dauern, ist individuell. Meistens rufen die Betroffenen bei uns vorab an. In der Regel rufe ich dann nochmal zurück und erforsche, welche Maßnahmen sie bereits ergriffen haben. Dann gibt es ein Erstgespräch, in dem ich frage, was sich seit dem letzten Telefonat verändert hat. Und ich stelle häufig fest, dass in dieser Zwischenphase schon etwas in Bewegung geraten ist. Wie es dann weiter geht, hängt von der Auftragsklärung ab. In der Regel machen wir das blockweise: erst drei Termine, Zwischenbewertung und dann sehen wir weiter. Das Ganze kann über mehrere Monate gehen. Ganz allgemein sage ich Ihnen aber: Das Entscheidende geschieht nicht bei mir in der Sitzung, sondern bei den Paaren zuhause, wie sie es aufnehmen und verarbeiten.
Hat es hier im Zimmer bei Ihnen auch schon mal gekracht?
Ja, das bleibt bei hochstrittgen Paaren nicht aus. Wenn es zu heftig wird, unterbreche ich es dann. Manchmal vergessen die Paare, dass sie nicht bei sich daheim sind, sondern in meinem Beratungszimmer. Da muss ich mir auch das Recht herausnehmen, dem Gespräch wieder eine Struktur zu geben – was auch für die Paare wichtig ist, denn sie sollen merken, dass dies hier eine andere Situation ist als bei ihnen daheim.
Häufig heißt es, Paare suchen erst eine Beratungsstelle auf, wenn es schon zu spät ist. Ist da was dran?
Leider ist es oft der Fall, dass viele Paare zu lange warten, bis sie sich professionelle Hilfe suchen. Meistens suchen sie uns auf, wenn die Vorzeichen bereits auf Trennung stehen. Es kommt auch vor, dass sich ein Partner auf die Beratung einlässt, gerade um sich dann anschließend zu trennen.
Empfinden es die Betroffenen auch als Scheitern, wenn sie Rat suchen?
Mir geht es in erster Linie darum, dass die Paare mit einem besseren Gefühl hier herausgehen, als sie hineingegangen sind. Daher versuche ich, die positiven Elemente zwischen zwei Menschen zu finden: Was verbindet sie eigentlich und was war ihr Gründungsmythos – also was haben sie in der Phase des Zusammengehens im Gegenüber gesehen, welche Eigenschaften schätzen sie an ihm. Aber sicher: Es gibt auch Konstellationen, in denen sowohl die Betroffenen als auch ich merken, dass es wirklich besser ist, wenn sich die Wege trennen.
Gibt es auch Paare, die durch Ihre Mithilfe wieder zusammengefunden haben?
Ja, auch das gibt es. Ich möchte an dieser Stelle etwas weiter ausholen: Zu einer funktionierenden Partnerschaft gehört nicht nur Liebe. Sie ist zwar gut und förderlich – es ist aber ebenso wichtig, etwas ertragen zu können. Also die Unterschiedlichkeit, die beide mitbringen, auszuhalten und sich damit auseinanderzusetzen.
Und hat diese Frustrationstoleranz abgenommen?
Aus meiner Sicht ja, und die Verlagerung des zunächst eher anonymen Kennenlernens im Internet hat daran zumindest einen Anteil. Zudem ist das „Angebot“ dort größer. Wenn man denkt, dass es mit der oder dem einen nicht klappt, ist der nächste Kontakt nicht weit.

Das Interview führte André Heuwinkel.

Quelle: Lampertheimer Zeitung, 04.10.2019
Foto: André Heuwinkel

https://www.lampertheimer-zeitung.de/lokales/bergstrasse/lampertheim/liebe-allein-reicht-nicht_20495756

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https://www.diakoniebergstrasse.de/ehe-familien-und-lebensberatung/

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